Senioren im Straßenverkehr - immer wieder aufs Neue ein (Reiz-) Thema

Vertiefende Informationen in Frage und Antwort

Das Statistische Bundesamt weist auf den hohen Anteil der über 64-jährigen Pkw-Fahrer (66,8%) bzw. der mindestens 75-jährigen Pkw-Fahrer (75,5%) als "Haupt-Verursacher" von Verkehrsunfällen auf Bundesebene im Jahr 2013 hin. Wie stellt sich die Unfalllage in Gladbeck dar?

Für Gladbeck wurden wegen der ansonsten wenig aussagekräftigen, relativ "kleinen Zahlen" die polizeilichen Unfalldaten der Jahre 2009 – 2013 ausgewertet. In Anlehnung an den WAZ-Bericht vom 1. Dezember 2014 wurde zwischen folgenden Altersgruppen unterschieden:

  • von 18 bis unter 25 Jahre,
  • von 25 bis unter 65 Jahre,
  • von 65 bis unter 70 Jahre,
  • von 70 bis 75 Jahre und
  • 75 Jahre und älter.

Zugrunde gelegt wurden die so genannten "meldepflichtigen Verkehrsunfälle" (alle polizeilich bekannt gewordenen Verkehrsunfälle, aber ohne die "Bagatell-Unfälle"). Das Diagramm (1) zeigt, dass der Anteil der älteren "Haupt-Verursacher" in Gladbeck noch höher ausfällt, verglichen mit den Zahlen für das Jahr 2013 auf Bundesebene.

 

Unabhängig von der Frage der "Haupt-Verursachung": Wie ist die Unfallentwicklung bei den älteren Pkw-Fahrerinnen / -Fahrern über den Zeitraum der letzten fünf Jahre in Gladbeck zu bewerten?

Setzt man das Jahr 2008 als "Basisjahr", dann stellt man fest, dass sich die Anzahl der unfallbeteiligten Pkw-Fahrerinnen / -Fahrer im Alter ab 65 Jahre nicht besonders stark verringert hat. Das Diagramm (2) lässt erkennen, dass die Unfallentwicklung bei den unter 65-jährigen Pkw-Lenkerinnen / -Lenkern günstiger verlief.

 

Die älteren Autofahrerinnen und Autofahrer werden verschiedentlich als "Unfallrisiko" bezeichnet. Stützen die soeben vorgestellten Gladbecker Zahlen nicht diese Bewertung?

Die stagnierende Unfallentwicklung bei den Senioren hängt sicherlich mit der demografischen Entwicklung, also mit der zahlenmäßigen Zunahme der Bevölkerung in dieser Altersgruppe bei gleichzeitigem Bevölkerungsrückgang bei den Jüngeren zusammen. Außerdem ist festzuhalten, dass die Senioren heute aktiver sind als frühere Generationen in diesem Alter. Wir sind ja längst bei den Jahrgängen, die als 18-Jährige ihren Autoführerschein gemacht haben und praktisch ihr ganzes Leben lang per Pkw mobil sind.

Sodann muss man an dieser Stelle auch einmal die absoluten Zahlen nennen. In Gladbeck wurden 2013 insgesamt sieben Männer und zwei Frauen der Altersgruppe "von 65 bis unter 70" als Unfallbeteiligte polizeilich registriert (ohne Berücksichtigung der "Bagatell-Unfälle"). Das sind innerhalb eines Jahres » gerundet « zwei Pkw-Fahrerinnen / -Fahrer auf 1.000 Gladbecker Einwohner dieser Altersgruppe. Die entsprechende Kennzahl für die Altersgruppe "von 18 bis unter 25" beträgt immerhin » gerundet « "sieben".

Im Jahresbericht 2013 des Statistischen Bundesamts zu den Verkehrsunfällen von Senioren wird darauf hingewiesen, dass über 64-jährige Pkw-Fahrerinnen / -Fahrer sehr häufig die Hauptschuld trugen (66,8%), wenn sie an einem Unfall beteiligt waren.

Das Diagramm (3) zeigt, dass in Gladbeck im Zeitraum der letzten fünf Jahre keine andere Altersgruppe, gemessen an ihrem Anteil an der Wohnbevölkerung, so selten an Verkehrsunfällen beteiligt ist wie die Autofahrerinnen / -Fahrer im Alter von 70 bis unter 75 Jahre. Man kann davon ausgehen, dass die Ergebnisse auf Bundesebene ähnlich sein werden, wenn man in den verschiedenen Altersgruppen die Unfallbeteiligtenzahlen zu den Bevölkerungszahlen in Relation setzt.

 

Vor kurzem war in einem WAZ-Kommentar zum Thema "freiwillige oder verpflichtende Sehtests für Autofahrer" zu lesen, dass die Forderung nach einer pauschalen Altersgrenze fürs Autofahren Unsinn sei. Gibt es diesbezüglich wissenschaftliche Erkenntnisse?

Über die von ihr geförderten "Untersuchungen zum verkehrsmedizinisch-verkehrspsychologischen Profil verunfallter älterer Kraftfahrer (PROSA)" berichtet die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) im März 2012 in ihrem Heft M 228. Mit dem Forschungsprojekt wurde der Einfluss altersbedingter Leistungseinbußen auf das Unfallrisiko älterer Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer untersucht. Die Ergebnisse belegen: Alter alleine ist kein Risikofaktor. Erst wenn spezifische Probleme hinzutreten, die allerdings mit dem Altern oftmals in Wechselbeziehung stehen, wird es gefährlich. Die diesbezüglichen Stichworte sind: Multimorbidität und Multimedikation (zum Nachlesen: vgl. Kurzinformation Nr. 15/12 aus der BASt-Schriftenreihe "Forschung kompakt").

Zusammenfassend kann man deshalb formulieren: Entscheidend für unfallfreies Fahren ist nicht das "chronologische Alter", das im Personalausweis steht, sondern vielmehr das "biologische Alter", das den Zustand und die Fitness von Körper und Geist beschreibt.

 

In dem erwähnten WAZ-Bericht vom 1. Dezember 2014 hieß es am Anfang:

"Wer in Deutschland einen Führerschein erwirbt, wird auf seine Fahrtauglichkeit geprüft. Wer ihn besitzt, muss sie nie wieder beweisen." Stimmt das so? Wie ist die diesbezügliche Gesetzeslage?

Nach der 3. EU-Führerschein-Richtlinie (Richtlinie 2006/126/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006) haben die ab dem 19.01.2013 ausgestellten Führerscheine eine begrenzte Gültigkeitsdauer. Nach Ablauf der Gültigkeitsdauer dürfen die EU-Mitgliedsstaaten die Erneuerung von einer Prüfung der "körperlichen und geistigen Tauglichkeit" abhängig machen.

Die deutsche Verordnung über die Zulassung von Personen zum Straßenverkehr (Fahrerlaubnis-Verordnung [FeV]) in der Änderungsfassung vom 05.11.2013 (BGBl. I S. 3920) bestimmt deshalb in Absatz 1 des § 24a: "Die Gültigkeit der ab dem 19. Januar 2013 ausgestellten Führerscheine ist auf 15 Jahre befristet." Nach Ablauf dieser Gültigkeit muss ein neuer Führerschein ausgestellt werden. Dabei erfolgt jedoch lediglich ein verwaltungsmäßiger Umtausch des Führerscheindokuments, der vor allen Dingen der Aktualisierung der persönlichen Dokumentendaten und des Lichtbilds dienen soll. Von der in der 3. EU-Führerschein-Richtlinie eingeräumten Möglichkeit zur Durchführung von zusätzlichen ärztlichen Untersuchungen bzw. Eignungstests im Vorfeld des Umtauschs hat der deutsche Gesetzgeber keinen Gebrauch gemacht.

Die befristete Gültigkeitsdauer nach § 24a Abs. 1 FeV gilt im übrigen nicht für die Fahrerlaubnisse alten Rechts. Für die bis zum Ablauf des 18.01.2013 erteilten Fahrerlaubnisse gibt es keine begrenzte Gültigkeit (vgl. § 6 Abs. 6 FeV). Die Fahrerlaubnisse alten Rechts sind im bisherigen Umfang gültig. Es besteht zunächst auch keine Pflicht zum Umtausch. Bei dem freiwilligen Umtausch des alten Führerscheins in einen neuen EU-Kartenführerschein werden die bereits bestehenden Fahrerlaubnisklassen entsprechend der neuen Systematik eingetragen. Allerdings müssen bis Ende 2032 alle Führerscheine den (formellen) Vorgaben der 3. EU-Führerschein-Richtlinie entsprechen. In § 24a Abs. 2 FeV wird deshalb bestimmt: " Führerscheine, die vor dem 19. Januar 2013 ausgestellt worden sind, sind bis zum 19. Januar 2033 umzutauschen."

Die Aussage in dem WAZ-Bericht vom 1. Dezember 2014 ist, wenn man bestimmte Berufsgruppen mit besonderer Verantwortung wie bspw. Berufskraftfahrer und Busfahrer ausklammert, deshalb zutreffend

(nachzulesen in dem entsprechenden Faltblatt des Bundesverkehrsministers).